Die Welt ist nicht schwarz-weiß und auch nicht der Nahostkonflikt. Graffiti und Aufkleber in den Straßen Jerusalems öffnen ein Fenster auf die innerisraelischen Debatten.

Who the fuck is Eliyahu?

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4–5 Minuten

Nur übersetzen und dann versteht man’s – das ist nicht immer so. Jeder Aufkleber, jedes Graffiti bedarf Hintergrundwissen, um es zu verstehen. Meistens merkt man das nicht, weil man dieses Hintergrundwissen schon hat und unbewusst einsetzt. Aber manchmal braucht es eine Stunde Recherche. Und manchmal kann man etwas nur übersetzen, wenn man das entsprechende Hintergrundwissen hat, so wie bei diesem Aufkleber:

לאlo‘nicht, kein
באיםba’ímkommen (Präsens maskulin Plural)
לידl’jád/ lajádneben/ zu einer Hand/ zur Hand
אליהוelijáhuElijahu (Eigenname)

Ich bin beim Übersetzen jedenfalls fast verrückt geworden und dachte genau das, was in der Überschrift steht: Who the fuck is Eliyahu? Was soll dieser Aufkleber bedeuten? Und warum sollen wir nicht zu Elias Hand kommen? Dazu kam, dass natürlich mein Hintergrundwissen aufploppte, aber manchmal ist es das falsche Hintergrundwissen. Als Alttestamentler denke ich bei Elijahu als erstes an den Propheten, von dem in den biblischen Büchern 1. Könige ab Kapitel 17 bis 2. Könige, Kapitel 2 erzählt wird. Elia, wie er durch die griechische Übertragung bei uns genannt wird, hat im rabbinischen Judentum außerdem eine große Wirkungsgeschichte: Jedes Pessach wird für ihn am Ende des Teils Berach, vor dem letzten großen Hallel, die Tür geöffnet und ein Becher Wein bereitgestellt. Obwohl dieser Brauch noch nicht so alt ist,1 geht die Vorstellung dahinter über 2000 Jahre zurück: Denn das Erscheinen Elias soll das Kommen des Messias ankündigen.2 Aber das hat alles nichts mit diesem Aufkleber zu tun, sondern führte mich nur in die Irre: an eine Person zu denken.

Hinter diesem Elijahu einen spezifischen Menschen zu suchen und zu recherchieren, um den Aufkleber zu verstehen, ergibt aber grammatikalisch und inhaltlich keinen Sinn: (Wir) kommen nicht neben Elia? (Wir) kommen nicht zu/ in Richtung Elias Hand? Auch hatte ich zu dem Verb ba’im (Präs mPl) automatisch „wir“ ergänzt. Alleinstehend ohne Personalpronomen kann es aber auch unpersönlich benutzt werden, wofür im Deutschen „man“ verwendet wird.

Den eigentlichen Hinweis hat mir schließlich das „UHTA“ unten links in der Ecke gegeben – nachdem mein Übersetzerstolz die Segel gestrichen hatte. Die Suchmaschine verriet schnell, dass dies die Abkürzung für „Ultras HaPo’el Tel Aviv“ ist, also die Ultrafans des Basketballclubs HaPo’el, Sektion Tel Aviv. Das brachte mich dem mysteriösen Elia noch nicht näher. Doch ein wenig Suchen und Lesen in alten Sportartikeln wie „קוראים לקהל הפועל תל אביב לא להגיע ליד אליהו“ und der Check einer Landkarte enthüllte das Geheimnis:
יד אליהו/ Jad Elijahu ist ein Stadtteil von Tel Aviv! Es hat nichts mit einer Person namens Elia und schon gar nichts mit dessen Hand zu tun!

Quelle: https://www.google.com/maps/place/Yad+Eliyahu,+Tel+Aviv-Jaffa,+Israel/@32.0720375,34.7442727,14922m/data=!3m1!1e3!4m6!3m5!1s0x151d4b0d2738a7bf:0x17e73bf5331f7c32!8m2!3d32.058585!4d34.797144!16s%2Fm%2F05f6jcd?entry=ttu&g_ep=EgoyMDI1MDgyNC4wIKXMDSoASAFQAw%3D%3D

Dieser Stadtteil entstand 1943 mit 16 Häusern und wurde 1945 von der Stadtverwaltung in einen offiziellen Tel Aviver Stadtteil umgewandelt und ausgebaut, vor allem, um nach Ende des 2. Weltkrieges freigelassenen Gefangenen der britischen Armee Wohnraum zu geben, da dies hauptsächlich „Watikim“ waren, also Juden, die ihre Wurzeln im damaligen britischen Mandatsgebiet bzw. der vorherigen osmanischen Provinz hatten.3 Der Name erinnert an Elijahu Golomb, den Gründer der Hagana, einer jüdischen Selbstverteidigungstruppe innerhalb der (und teils auch gegen die) britischen Kolonie.4 So löst sich auch das Rätsel um die יד, die Hand, denn dieses Wort bedeutet auch „Denkmal“. Es geht um den Tel Aviver Stadtteil „Elijahu-(Golomb)-Denkmal“.

Das erklärt nun den wörtlichen Inhalt des Aufklebers: Man kommt nicht nach Jad Elijahu!, was als Aufforderung zu verstehen ist: Nicht nach Jad Elijahu kommen! Aber noch nicht, warum wir nicht dorthin kommen sollen… In diesem Stadtteil steht auch ein Stadion, das manchmal noch Jad-Elijahu-Stadion genannt wird, aber mittlerweile eigentlich Menora-Mavtichim-Stadion heißt und Heimat von Makkabi Tel Aviv ist.5 Im Januar 2025 sollte auch HaPo’el dort spielen, denn der neue Eigentümer des Vereins, Ofer Jannai, wollte gezielt die Fan- und Zuschauerzahlen (also Einnahmen) erhöhen und deshalb das Heimatstadion, die Drive-in-Arena (eigentlich Shlomo-Group-Arena) vergrößern, während man sich in dem größeren Jad-Elijahu-Stadion einmietet. Die Basketballvereine von Makkabi und HaPo’el sind übrigens analog zu den Fußballclubs Bayern München und Dortmund zu verstehen – als Erzfeinde. Man kann nur eines sein.

Die Ultras von HaPo’el Tel Aviv haben mit dem neuen Eigentümer mächtig Probleme: Sie werfen ihm vor, innerhalb eines halben Jahres alles dafür getan zu haben, die Fangemeinde und den Club, sowie den Fanverein in sich selbst zu spalten – durch Eintrittspreise für Trainingsspiele, Erhöhung der Eintrittsabos um mehrere dutzend Prozent und dem Verweigern des Vetorechts, welches der Fanverein beim Umzug in ein anderes Stadion gehabt hätte. Der tatsächliche Umzug ins Stadion des Erzfeindes Makkabi sei nur der sichtbarste Betrug, nachdem Ofer Jannai anfangs versprochen hatte: „Das wird genau der gleiche HaPo’el bleiben, nur mit etwas mehr Geld.“ Stattdessen habe sich HaPo’el Tel Aviv „von einem Club der Fans zu einem Club gegen die Fans gewandelt“.6

So endet dann die Verlautbarung der Ultras vom 9. Januar 2025 mit folgenden Worten:

בלב כבד ובניגוד לשאיפה הבסיסית של כולנו ללוות את הפועל בכל משחק, אנו קוראים לכולם לא להגיע למשחקי הבית אשר משוחקים באולם של מכבי – יד אליהו

Mit schwerem Herzen und im Gegensatz zu unser aller zugrundeliegendem Streben, HaPo’el bei jedem Spiel zu begleiten, rufen wir alle auf, nicht zu den Heimspielen zu gehen, welche in der Halle von Makkabi ausgetragen werden – Jad Elijahu.

…zusammengefasst und für möglichst viele sichtbar in dem Aufkleber: Nicht nach Jad Elijahu kommen!

Photo: Oz Moalem, https://www.ynet.co.il/sport/israelibasketball/article/hk36we8eje
  1. Mehr dazu kann man z.B. in diesem Blogbeitrag von Oded Fluss „Der Prophet Elija und Pessach“ nachlesen. ↩︎
  2. Gott kündet in Mal 3,23 sein Kommen vor dem Jüngsten Tag an. Der Prophet Elia ist in einer Hinsicht sehr besonders, weil er nicht gestorben ist, sondern leiblich in den Himmel aufgenommen wurde (2Kö 2,11 und 1Makk 2,58). Sein Wiederkommen wird mit der Zeit durch Wünsche und wundersame Vorstellungen ausgeschmückt: Elia werde sieben Wunder wirken, die zerstreuten Juden nach Israel zurückführen und die ungelösten Fragen der Rabbinen lösen. So verstanden die Rabbinen Gottes Spruch in Mal 3,23-24: „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“ Mehr dazu in: Levinson, Nathan Peter: Der Messias. Stuttgart 1994. S. 29 und an anderen Stellen. ↩︎
  3. Hebräischer und englischer Wikipediaartikel zu diesem Stadtteil: https://he.wikipedia.org/wiki/יד_אליהו ↩︎
  4. Mehr zu Elijahu Golomb auf Wikipedia – es lohnt sich, den Artikel in verschiedenen Sprachen zu lesen. Häufig sind Artikel zu israelischen Themen im Englischen ausführlicher – und im Hebräischen sowieso. https://de.wikipedia.org/wiki/Elijahu_Golomb ↩︎
  5. https://he.wikipedia.org/wiki/היכל_מנורה_מבטחים ↩︎
  6. Vgl. https://sports.walla.co.il/item/3718152, https://www.sport5.co.il/articles.aspx?FolderID=274&docID=493814 und weitere Berichte, welche die Verlautbarung veröffentlicht haben. ↩︎